Interview mit Mark Moriani zu „Begierde ... Was sind Deine tiefsten Sehnsüchte?“

 

Mark Moriani, was hat Sie dazu motiviert, dieses Buch zu schreiben? Gibt es einen Schlüsselmoment bzw. eine Geschichte zur Buchentstehung selbst?

 

Die Wahrheit ist, dass ich eines Morgens aufgewacht bin und zwei Geschichten im Kopf hatte. Nachdem ich sie aufgeschrieben hatte und zwei Freundinnen sofort begeistert waren, beschloss ich weiterzuschreiben.

 

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

 

Respekt gegenüber allem Leben, und die Vermutung, dass das Leben dafür da ist, möglichst viel zu leben und zu erleben.

 

Sie sprechen von einer „Vermutung“? Wie kommen Sie zu dieser Vermutung? Geht es hier um den Sinn unseres Daseins?

 

Ja, genau. Was kann der Sinn des Lebens sein? Aus meiner Sicht muss er im Leben selbst liegen. Ich glaube, das Leben ist ein großes Geschenk, das wir achten sollten. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, liegt der Schluss nahe, dass jeder einzelne Augenblick erlebt werden sollte. Ganz im Hier und Jetzt. Welche Augenblicke wären dafür besser geeignet als erotische Begegnungen?

 

Wenn es Ihnen um Achtsamkeit und um ein erfülltes Leben geht – warum schreiben Sie dann ausgerechnet Erotikgeschichten?

 

Ich glaube, dass viele Menschen ihre erotischen Wünsche gerne ausleben würden und sich nach sexueller Erfüllung sehnen, sich aber von der emotionalen Distanz, die nicht nur auf den großen Online-Dating-Plattformen zu erleben ist, abgestoßen fühlen. Wie können wir unseren sinnlichen und emotionalen Bedürfnissen gerecht werden, ohne uns im Nachhinein leer zu fühlen? Uns gegenseitig beschenken, statt uns auszunutzen? Großzügigkeit, Mitgefühl und zwischenmenschlicher Respekt sind in meinen Augen entscheidend. Sie sind die wichtigsten Gegenpole zu der Ausnutz- und Profit-Mentalität, die uns in vielen Lebensbereichen antrainiert wird und die in der Liebe so verheerend ist. Ich möchte mit meinen Geschichten einen Weg zeigen, der über den Augenblick hinaus zu Lebensfreude und Glück verhilft, für feste Beziehungen genauso wie für erotische Begegnungen.

Respekt gegenüber allem Leben ist in jeder Hinsicht wichtig, aber gerade in den intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen – also auf der Ebene von Partnerschaft und Erotik – ist man geradezu aufeinander angewiesen, um Erfüllung zu finden. Das geht nicht gegeneinander, sondern nur miteinander. Deshalb ist Respekt vor dem anderen als Person und auch vor seinen Gefühlen so wichtig. 

Es gab auch alle möglichen externen Auslöser für die Geschichten … 

 

Zum Beispiel?

 

Ich habe viele Gespräche mit Singles geführt, weiblich und männlich, die sich in der heutigen Partnersuche zwischen Dating-Apps und One-Night-Stands nicht zurechtfinden und teilweise sehr verzweifelt sind. Besonders schlimm scheint es in den USA zu sein, wo in der Generation der heute 20- bis 28-Jährigen ein völliges Fehlen von gegenseitigem Respekt zu beobachten ist. Es gibt eine Reihe von Reportagen dazu. Diese Generation scheint Liebe völlig zu negieren, Sex wird mit größtmöglichem emotionalem Abstand vollzogen – das muss man schon so sagen. Umfragen ergeben beispielsweise, dass relevante Teile der Damenwelt Sex als positiv beurteilen, wenn es „ihm gefällt“ oder wenn es „nicht weh tut“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Weg zu einem erfüllten Leben führt – und zwar weder für die Frauen noch für die Männer.

 

Das ist ja kaum zu glauben! Aber hierzulande …?

 

Wir sind nicht so weit auseinander. Online-Partnerbörsen machen Werbung dafür, dass sie mit wissenschaftlichen Methoden Paare zusammenbringen. Tatsächlich suchen sich in der Konsequenz die Menschen ihre Partner nicht mehr nach natürlichen Kriterien aus – in erster Linie weil Anziehungskraft da ist und „die Chemie stimmt“ –, sondern die Partnerbörse erklärt uns, wen wir gut finden, und wir folgen diesem Urteil. Weil die App so funktioniert. Ob es mit der Anziehungskraft passt, dürfen die Teilnehmer nachher selbst herausfinden. Das stellt die Suche nach einem Lebenspartner in gewisser Weise auf den Kopf. 

Hinzu kommt meine Überzeugung, dass soziale Netzwerke nicht nur reale soziale Netze zerstören, sondern auch die Fähigkeit, sich auf ein Gegenüber tatsächlich einzulassen. Und das ist schließlich Voraussetzung dafür, dass eine für beide Seiten fruchtbare Beziehung überhaupt entstehen kann.

 

Mit dieser Kritik stehen Sie nicht alleine. Aber was hat das jetzt mit einem respektvollen Umgang zwischen den Menschen zu tun?

 

Die Funktionsweise der Partnerbörsen sorgt dafür, dass Menschen zu Profilen werden. Wer im Appstore nach „Tinder“ sucht, wird auch eine Reihe von Dienstprogrammen finden. Diese Programme liken automatisch, senden sogar automatische Nachrichten an einen Match ab. Hier ist jeder Bezug zum anderen als Mensch, als Person, verloren gegangen. Auf welcher emotionalen Ebene kann man sich mit einem Partner treffen, den man auf diese Weise – mit einer automatischen Nachricht – kennenlernt? Wahrscheinlich nicht mit gegenseitiger Großzügigkeit, sondern eher mit dem Gedanken, den anderen zu benutzen. Kein Wunder, dass Liebe als nicht existent angesehen wird. Dieses Benützen wird möglicherweise – wenn überhaupt – kurzfristig eine gewisse Befriedigung bringen, aber vermutlich auf mittlere und lange Sicht einen eher schalen Geschmack hinterlassen.

 

Welche Botschaft soll Ihr Buch „Begierde ... Was sind Deine tiefsten Sehnsüchte?“ vermitteln?

 

Dass Frauen und Männer mit gegenseitigem Respekt, Offenheit, Großzügigkeit und emotionaler Unabhängigkeit ihre jeweiligen erotischen Träume und Bedürfnisse verwirklichen können. 

 

Was meinen Sie mit „emotionaler Unabhängigkeit?“ Können Sie ein Beispiel aus dem Buch nennen?

 

Damit ist die Fähigkeit gemeint, Liebe, Partnerschaft und Sexualität weitgehend frei von Angst zu erleben, ohne vom Partner oder der Beziehung abhängig zu sein. Das geht natürlich nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein und der Fähigkeit, auch alleine ein angenehmes Leben führen zu können. Nur dann kann man sich wirklich frei gegenübertreten, sich wirklich für den anderen entscheiden. Dieses Element kommt in allen Geschichten zum Tragen. Die Figuren sind eigenständig, sie geben sich nicht in der Liebe auf, sondern begegnen sich auf Augenhöhe …

 

Wofür sollen die Bücher von Mark Moriani stehen?

 

Für niveauvolle Erotik, inspirierend, offen, positiv und unverklemmt.

 

Verraten Sie uns, was Sie als nächstes planen? Wird es einen Fortsetzungsband geben?

 

Ja, ich arbeite tatsächlich an einer Fortsetzung … Und an einem weiteren Projekt, über das ich heute noch nichts verrate!

 

Mark Moriani, vielen Dank für das nette Gespräch! 

 

Das Interview führte Anja-Nadine Mayer
www.KulTexTur.info

 

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